Früher war eben nicht alles besser

Jetzt ist es soweit: Heute muss ich auch etwas Frust ablassen über die Gesellschaft und alles andere.

Wenn man mich so anschaut, könnte man meinen ich habe schon in mehr als 40 Jahre auf dem Buckel. Das höre ich zumindest oft von meinen besten Freunden. In der Manier von alten Leuten fangen nun auch wir Mitzwanziger langsam an und philosophieren über die alte Zeit.

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„Grafik ist unwichtig“ – Wer will schon real aussehende Spiele?

Sätze wie „es war ja nicht alles schlecht“ und „man kannte das nicht anders“ höre ich erschreckend häufiger von Freunden, auch im Bezug auf Videospiele.

„Früher war die Grafik nicht so wichtig, da war das Spielprinzip wichtiger“ – stimmt das? Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern und ich weiß noch wie hin und weg ich war, als Super Mario 64 erschien, wie Crysis die Szene in Staunen versetzte. Grafik war doch schon irgendwie wichtig.

Warum gibt es immer wieder die Diskussionen über früher und heute? Ist das nicht völlig egal? Wenn man danach gehen würde, dass es früher immer auf irgendeine Art besser war – meine Güte, dann sollten wir neidisch auf die Neandertaler und überhaupt die Prähistorie sein. Wie gut hatten die es wohl?

Ich hingegen genieße das hier und jetzt. Ob Serien, Filme, Videospiele oder mein Alltag mit Döner und Pizza – als Medien-affiner Mensch ist es geil im Jahr 2016 zu leben!

Gerade jetzt sitze ich in meiner kleinen Wohnung auf der Eisenbahnstraße in Leipzig und genieße es: Während sich auf der Straße vor meiner Bude die Drogenhändler um den besten Platz für ihren Markt bemühen (die einfachen Prinzipien der Marktwirtschaft regeln halt auch hier: Ein besserer Standort begünstigt eine höhere Nachfrage), veranstalte ich feinstes Binge Watching á la 2016.

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Im Drogenviertel über Drogen: Ja, so sieht mein Sonntag aus

PlayStation 4 an, Netflix-Account gesucht und die zweite Staffel von Narcos auf dem Bildschirm. Das ist für mich das perfekte Wochenende.

Netflix ist auch so eine Marke, die für mich den Zeitgeist perfekt wiedergibt: Das Ende des Konservativen. Während unsere Eltern und Großeltern erstmals in den Genuss des TVs gekommen sind und die Entwicklung zum Lebensstandard miterlebt haben, können wir etwas daran ändern.

Warum muss immer alles so sein wie früher? (Und hier kommen wir wieder zur Intention des Artikels zurück.) Wenn ich meinem Vater von Netflix erzähle, schnaubt er immer. Es ist so eine Angewohnheit von ihm, wenn er sich sicher ist, dass ich Firlefanz erzähle. Man fühlt sich dann immer als würde man gerade versuchen ihm einzureden, dass es Einhörner gibt und auch Hogwarts real ist.

Während der Hype für Retro steigt, fühlt sich auch mein Vater in diesem Element immer wohler. Wir nehmen viele Dinge hin nur weil sie existieren. Warum sollte ich auf traditionelles Fernsehen zurückgreifen, wenn ich die Chance habe mit Netflix mein eigenes Programm zu erstellen und nicht Gefahr laufe den wichtigsten Teil zu verpassen, während ich zum Ofen renne und die schwarze Pizza rausziehe.

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Bilduntertitel: Damals war 20:15 noch eine heilige Zeit – etwa wie die Sonntagsmesse um 9 Uhr

Dieses gesamte Konzept hinter 20:15 TV schauen mit der Familie – da stellen sich mir die Nackenhaare auf. Wenn ich Bock habe schaue ich jetzt einfach schon um 17 Uhr meinen „Blockbuster“ oder schaue sogar den ganzen Tag nur Filme auf die ich wirklich Lust habe und gebe mich nicht mit der hundertausendsten Wiederholung von How I met your mother ab.

Natürlich gibt es alte Elemente die cool sind und es ist schön, dass auch junge Leute durch den Retro-Trend die Chance bekommen es nachzuempfinden, aber ganz ehrlich: Genießt das Hier und Jetzt, denn immerhin hält auch das nicht ewig an. Was bringt es im Nachhinein seufzend an das gute alte 2016 zurückzudenken, wenn man es auch jetzt genießen kann?